Informationen vom Tiergesundheits- & Tierschutzbeauftragten des SRV

Rotaviren bei Tauben: Erkrankungen und Todesfälle in Australien

 

Die Australian National Pigeon Association (ANPA) hat auf ihrer Homepage (http://www.anpa.com.au) ein Informationsblatt für Züchter zusammengestellt, welches aktuelle Daten zu Rotavirusausbrüchen bei Tauben zusammenfasst. Aufgrund eines massiven Infektionsgeschehens in Australien hat die ANPA entschieden, ihre National Show 2017 abzusagen. Nachfolgend finden Sie auszugsweise eine deutsche Übersetzung.

 

Seit Mitte 2016 wurden in einigen Teilen Australiens (Western Australia, Victoria, New South Wales, South Australia) erhöhte Todesraten in Brief- und Rassetaubenbeständen beobachtet. Die klinische Symptomatik umfasste bei erkrankten Tieren Apathie, Erbrechen, Durchfall und das Einnehmen unphysiologischer Körperhaltungen. Erkrankte Tauben starben in der Regel innerhalb 12 bis 24 Stunden, wobei Todesfälle in betroffenen Schlägen innerhalb eines Zeitraumes von etwa sieben Tagen auftraten.

Intensive diagnostische Maßnahmen (Sektionen, feingewebliche Untersuchungen, Elektronenmikroskopie, molekularbiologische Methoden zum Erregernachweis und zur Erregercharakterisierung wie PCR und Genomsequenzierung sowie Bakterienanzucht und Virusisolierung) wurden eingeleitet. Erreger wie aviäre Influenzaviren, Newcastle Disease-Viren, Taubenparamyxoviren sowie Adeno- und Herpesviren konnten als ursächliche Erreger ausgeschlossen werden. Hingegen wurde ein Rotavirus als Erkrankungs- und Todesursache bestätigt.

Die pathologischen Untersuchungen zeigten eine hochgradige nekrotisierende Entzündung der Leber mit Degeneration und Nekrose der Leberzellen, eine vergrößerte und blasse Milz mit Entspeicherung des lymphatischen Gewebes und eine verkleinerte Bursa Fabricii (Immunorgan im Bereich der Kloake). Labordiagnostische Analysen (Histologie, PCR) der veränderten Lebern wiesen Viren aus der Familie Reoviridae in großer Menge nach. Dieser Befund wurde durch Negativkontrast-Elektronenmikroskopie bestätigt. Es wurde versucht, Viren aus Lebergewebe in embryonierten Hühnereiern anzuzüchten. Nach der zweiten Passagierung zeigten sich einige pathologische Effekte. Allerding konnten elektronenmikroskopisch in der Allantoisflüssigkeit keine Viruspartikel gefunden werden. Die Genomsequenzierung mittels Next Generation Sequenzing ergab, dass es sich bei den in verändertem Lebergewebe nachgewiesenen Viren um Rotaviren des Serotyps G18P handelt.

Verwilderte Haustauben („Stadttauben“) sind wahrscheinlich ebenfalls empfänglich für das Virus. Daher sollten ungewöhnliche Erkrankungsfälle oder erhöhte Todesraten bei diesen gemeldet werden. In Western Australia kam es zu Todesfällen bei Stadttauben in der Nähe eines betroffenen Schlages mit ähnlichen Erscheinungen wie bei den erkrankten Brief- und Rassetauben. Außerdem wurden in anderen Ländern Rotaviren in Kotproben von verwilderten Haustauben und verschiedenen Wildtaubenarten nachgewiesen.

Um das Übertragungsrisiko dieser Rotaviren auf andere Vogelarten (einschließlich Nutzgeflügel) zu erforschen, sind Infektionsversuche erforderlich. Allerdings wurde das Risiko einer Übertragung auf Wirtschaftsgeflügel auf der Basis bisheriger Felderfahrungen als niedrig eingeschätzt.

Derzeit ist kein Impfstoff gegen Rotaviren bei Tauben verfügbar. Aufgrund erheblicher antigenetischer Differenzen zwischen den Taubenrotaviren und Rotaviren der Rinder (Serotyp G10) ist ein schützender Effekt des Rinderimpfstoffs bei Tauben unwahrscheinlich. Daher wird zukünftig die Entwicklung eines Rotavirusimpfstoffs für Tauben erforderlich sein.

Taubenzüchter werden aufgerufen, Biosicherheitsmaßnahmen einzuhalten, um eine Ausbreitung der Erkrankung zu verhindern. Vor diesem Hintergrund sollten Teilnahmen an Ausstellungen und Wettflügen hinterfragt werden und die schlageigene Biosicherheit und Hygiene erhöht werden. Außerdem sollten verdächtige Erkrankungsfälle weiterhin unter Hinzuziehung des Hoftierarztes und mithilfe veterinärmedizinischer Untersuchungseinrichtungen abgeklärt werden.

Anmerkung: Hinweise auf ein durch Rotaviren ausgelöstes massives Erkrankungsgeschehen bei Brief- und Rassetauben in Deutschland existieren derzeit nicht. Ebenso fehlen Daten zur Verbreitung von Rotaviren bei Tauben verschiedener Nutzungsrichtungen (Rasse-, Brief-, Flug- und Fleischtauben sowie Ziertauben). Daher sind Forschungsarbeiten in diesem Gebiet für die Zukunft wünschenswert.

 

Bildmaterial zu Rotavirusausbrüchen in Australien (Update vom 28.01.2017) sowie weitere Informationen finden Sie unter http://www.melbournebirdvet.com/pigeon-virus-update.aspx .

 

Dr. Markus Freick

Tiergesundheits- und Tierschutzbeauftragter des SRV

16.05.2017

Tierärztegespräch zur Deutschen Brieftaubenausstellung

 

Im Rahmen der Schau des Verbandes Deutscher Brieftaubenzüchter e.V. (http://web.brieftaube.de/), die vom 7.-8. Januar 2017 in den Westfalenhallen in Dortmund stattfand, wurde auch in diesem Jahr wieder ein Tierärztegespräch durchgeführt, an dem Tauben interessierte Tierärzte aus Forschung, Industrie und Praxis teilnahmen.

Frau Dr. Lydia Teske (Klinik für Geflügel der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover) stellte neue Forschungsergebnisse aus dem Themenkomplex Jungtaubenkrankheit vor. So konnte ihre Arbeitsgruppe ein neues Adenovirus (Pigeon Adenovirus 2 mit den Varianten A und B) bei Tauben beschreiben, das erstmalig in Durchfallkot einer erkrankten Jungtaube entdeckt wurde. Weiterführende Untersuchungen bei Brieftauben zeigten, dass das Taubenadenovirus 2 in etwa 20 % der Jungtaubenbestände und 13 % der untersuchten Alttaubenschläge vorhanden war. Hinweise auf eine ursächliche Beteiligung an der Jungtaubenkrankheit fanden die Forscher nicht, da man die Viren auch in nicht betroffenen Beständen nachweisen konnte. Mittlerweile gelang es ungarischen Wissenschaftlern, weitere neue Adenoviren bei Brief- und Rassetauben zu beschreiben. Ihr krankmachendes Potenzial ist noch unklar.

Dr. Dennis Rubbenstroth (Institut für Virologie des Universitätsklinikums Freiburg) berichtete über praktische Erfahrungen im Management der Jungtaubenkrankheit bei Brieftauben. Einige Reisevereinigungen hatten in den zurückliegenden Jahren ihre Jungtauben bereits einige Monate vor Beginn der Jungtaubenflüge im Kabinenexpress zusammengebracht mit dem Ziel einer horizontalen Erregerausbreitung und Aufbau einer natürlichen Immunität. Die Jungtaubenkrankheit brach dann in den meisten dieser Bestände früher aus, sodass sich die Tiere zu Beginn der Reisezeit wieder erholt hatten und keine erneuten Ausbrüche zu beobachten waren. Allerdings war diese Vorgehensweise nicht in allen teilnehmenden Reisevereinigungen erfolgreich, sodass weitere Untersuchungen zu Einflussfaktoren nötig sind. Weiterhin warnte Dr. Rubbenstroth vor dem Erwerb und Einsatz eines in Deutschland nicht zugelassenen Kombinationsimpfstoffes gegen Paramyxovirose und Taubenherpesvirus, da dies zum einen rechtswidrig ist, zum anderen aber auch Erkrankungen und Verluste bei geimpften Tauben zu befürchten sind, möglicherweise bedingt durch nicht ausreichende Inaktivierung der enthaltenen Viren.

Abschließend leitete Frau Dr. Elisabeth Peus (Taubenklinik des Verbandes Deutscher Brieftaubenzüchter e.V.) eine Diskussionsrunde zu Doping sowie Arzneimitteleinsatz und –missbrauch bei Brieftauben. Der Brieftaubenzüchterverband hat eine „Verordnung zur Durchführung von Dopingkontrollen“ verabschiedet, die in der Verbandszeitschrift „Die Brieftaube“ (Ausgabe Februar 2016) nachgelesen werden kann. Der sinnvolle und rechtlich korrekte Arzneimitteleinsatz ist sicherlich auch in der Rassetaubenzucht immer wieder eine diskussionswürdige Thematik.

Dank gebührt dem Team der Taubenklinik Essen um Frau Dr. Peus für die Organisation dieser interessanten Veranstaltung und dem Verband Deutscher Brieftaubenzüchter e.V. für die Einladung.

 

Dr. Markus Freick

Tiergesundheits- und Tierschutzbeauftragter des SRV

03.02.2017

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